Beispiel aus der Praxis

Beispiel aus der PraxisBeschreibung einer Malenden zur Entstehung eines Bildes und die Entwicklung während des Malprozesses

Die Malende steht unentschlossen vor dem weißen Blatt Papier. Die Malleiterin sagt: „Wenn du nicht weißt, was du malen willst, nähere dich deinem Bild über die Farben. Schau, welche Farbe dich besonders anspricht und beginne damit“.

Die Malleiterin ermuntert die Malende: „Nimm zuerst nur eine einzige Farbe und schau, was daraus wird“.

Die Malende selbst beschreibt den Malprozess wie folgt: Ich starte mit einem selbst gemischten Orange und lasse meine Hände, beide Hände, in ruhigen Bewegungen in der Blattmitte kreisen. Ohne zu wissen, was ich malen will, folge ich meiner Intuition. Das Gefühl, ohne konkrete Vorstellung zu malen befreit mich plötzlich von einem Druck, den ich anfangs spürte. Ich bin frei in jeder der Bewegungen, die ich auf dem weißen Blatt Papier mache. Es sind intuitive Bewegungen. Ich beginne mich selbst im Stehen vor dem Blatt Papier mehr und mehr wahrzunehmen, mich zu spüren. Ich bin konzentriert und gelassen beim Aufbringen der satten Farbe, ungestört von Vor-Stellungen beim Kreisen. Gleichzeitig bin ich beruhigt, weil ich mich im Moment ausschließlich auf eine einzige Farbe konzentrieren kann, ich muss keine „Auswahl“ treffen, brauche mich nicht zu entscheiden, denn jede Entscheidung hätte bedeuten können, das vielleicht bereits das „Wissen“ um ein Motiv vorausgesetzt werden muss, welches ich im Augenblick des Kreisens noch nicht kenne. Ich vertraue darauf, dass sich dieses „Wissen“ im Malen noch formulieren wird. Ich habe Geduld mit mir selbst. Es entwickelt sich in diesem Freiraum ein sehr gutes Gefühl.

Der Prozess des Malens kommt zusehends in Schwung. Es entsteht beim Malen vor meinen Augen aus einer orangefarbenen Kugel etwas Organisches, vielleicht ein Stück Obst? Ich bin unsicher. Ist es eine große runde Frucht, die auf dem Blatt Papier Form annimmt? Oder ist es doch ein Ball, der auf Gesellschaft wartet?

In diesem Moment spricht mich die Malleiterin an: „Was siehst du auf deinem Blatt“?  

Malende (unentschlossen): „Einen Ball“?

Malleiterin: „Schau, ob da noch etwas anderes zu sehen ist? Was könnte es noch sein“?

Jetzt plötzlich sehe ich ganz deutlich die Frucht. Vielleicht ist es ein Apfel oder eine Apfelsine? Das „Vielleicht“ bleibt vorläufig ungelöst, aber das stört mich nicht in meinem Malprozess. In schnellen Bewegungen entstehen in kurzer Zeit seitlich des großen runden Obstkörpers noch zwei gleichfarbige Früchte, jedoch kleiner.  Diese werden ungeahnt größer und größer und verdecken plötzlich einen Teil  der großen Frucht.

Die Malleiterin bemerkt mein Unbehagen und gibt mir den nachdrücklichen Hinweis: „Widme dich noch einmal ganz dem Objekt, das zuerst da gewesen ist. Es hat ein Recht, da zu sein“!

Ich verstehe den Hinweis, und mit der gut deckenden leuchtenden Gouachefarbe beginne ich, mich erneut mit der großen runden Frucht zu beschäftigen. Ich hole die Frucht mit jedem weiteren Farbauftrag in den Mittelpunkt meines Bildes zurück .

Die Obststücke liegen in einer einfachen Schale, die  ich als zurückhaltend und praktisch empfinde und entsprechend male. Die Schale erscheint mir nebensächlich aber notwendig. Jetzt muss noch zu erkennen sein, wo sich der Standort meines Objektes befindet, ob Drinnen oder Draußen, ob auf einem Tisch oder anderswo. Ich male den hellen blauen Himmel über der Obstschale, Das Wetter ist gut, die Schale steht sicher und das Obst hat genug Platz auf dieser Schale. Es fehlt mir nichts mehr auf diesem Bild.

Befriedigt nehme ich hauptsächlich wahr, dass sich der erste Apfel im Mittelpunkt unverdeckt (!) zeigen kann und von zwei weiteren Äpfeln an seiner Seite flankiert und begleitet wird. Beim Betrachten des Bildes empfinde ich ein angenehmes Gefühl von Harmonie.

Die Malleiterin fragt die Malende zum Schluss neugierig und offen, mit Blick auf das Bild: „Was könnte dies noch für eine Frucht auf deinem Bild sein“?

Die Malende antwortet: „Ich glaube, es sind keine Äpfel und auch keine Apfelsinen. Es könnten drei Granatäpfel sein“!

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